Soziales Lernen und soziale Kompetenz

Soziales Lernen meint die Vermittlung und Reflexion von Erfahrungen mit Menschen, von Wissen über Strukturen und Funktionen gesellschaftlicher Handlungsfelder sowie die Umsetzung von Erfahrungen und Wissen in Verhalten, Handlungsstrategien und Zukunftsentwürfe (vgl. Schaub & Zenke, 1999). Die wesentlichen Wurzeln des Begriffs gehen auf erziehungspsychologische Intentionen von Tausch und Tausch (1977) zurück, die individuelle Freiheit, Selbstbestimmung, Kooperation und soziale Einordnung als zentrale Voraussetzung für sozial-integratives, demokratisches Verhalten von LehrerInnen und SchülerInnen ansahen.

Bereits 1968 wurden Gesamtschulen eingerichtet, die den Begriff des Sozialen Lernens erstmals im Schulalltag präzisieren wollten.

Soziales Lernen kann als eine Änderung des Verhaltens im Umgang mit anderen Menschen bezeichnet werden. Es wird stark durch kognitive Prozesse geprägt und ist abhängig vom Umgang mit anderen Menschen (Bandura, 1979). Synonym kann von sozial-kommunikativem Lernen gesprochen werden, welches sich auf Aspekte wie Zuhören, Begründen, Argumentieren, Fragen, Diskutieren, Kooperieren, Integrieren, Gespräche leiten und Präsentieren bezieht. Um soziales Lernen zu initiieren, ist es wichtig Verhaltensweisen zu fördern, die im Bereich der Teamfähigkeit, Kooperation, Konsensbereitschaft, Akzeptanz und Toleranz liegen.
Ziel ist es, die Interaktions- und Konfliktfähigkeit einzelner SchülerInnen zu entwickeln, und emotional gefestigte und arbeitsfähige Gruppenbeziehungen herzustellen.

Soziales Lernen ist kein passiver, einseitiger Anpassungsvorgang seitens der SchülerInnen, sondern bedeutet, dass Gruppenleiter/innen wie SchülerInnen sich in einem Interaktionsprozess befinden, dessen Ergebnis eine Einigung darstellt.

Soziale Kompetenz

Unter Kompetenz versteht man die Fähigkeit einer Person Anforderungen in bestimmten Bereichen zu entsprechen. Soziale Kompetenz kommt im Umgang mit anderen Menschen zum Ausdruck und bezeichnet die Fähigkeit, soziale Beziehungen und persönliche Fähigkeiten zu nutzen, um soziale Beziehungen herzustellen und in angemessenem Rahmen auszugestalten. Soziale Kompetenz liegt vor, wenn die „individuelle Fähigkeit zur Erkennung von Beziehungskonflikten, zur Entwicklung von Strategien zu deren Lösung und zum Aufbau und zur Aufrechterhaltung positiver Beziehungen“ besteht (Küching & Wittrock, 1983, S. 35). Soziale Kompetenz ist individuell zu erwerben, wobei der Lernvorgang über eine angst- und bewertungsfreie Rückmeldung des eigenen Verhaltens erfolgen muss. Eine Aufstellung spezifischer sozial kompetenter Verhaltensweisen gibt Gambrill (1977).

  • Beispiele sozial kompetenter Verhaltensweisen
  • Nein - Sagen
  • Auf Kritik reagieren
  • Änderungen bei störendem Verhalten verlangen
  • Widerspruch äußern
  • Unterbrechungen im Gespräch unterbinden
  • Sich entschuldigen
  • Schwächen eingestehen
  • Komplimente akzeptieren
  • Auf Kontaktangebote reagieren
  • Gespräche beginnen
  • Gespräche aufrechterhalten
  • Gespräche beenden
  • Kontakte zulassen
  • Um Gefallen bitten
  • Komplimente machen
  • Unerwünschte Kontakte beenden
  • Gefühle offen zeigen


Danach sollte soziale Kompetenz nicht nur als kommunikative Kompetenz verstanden werden, sondern auch als interaktive Kompetenz in Form von sozial kompetentem Verhalten. Dazu gehören u.a. Selbstsicherheit, Selbstvertrauen, Selbstbehauptung, Durchsetzungsfähigkeit, soziale Fertigkeiten, aber auch Interaktionsfertigkeiten. Voraussetzung für ein sozial kompetentes Verhalten ist nach Petermann und Petermann (1994) das Frei sein von sozialer Angst und das Verfügen über soziale Fertigkeiten. Sozial kompetentes Verhalten ist an ein positives Selbstkonzept gebunden, welches das gesamte Wissen über die eigene Person und die Summe der gesammelten Erfahrungen darstellt. Ist ein Kind von den eigenen Fähigkeiten überzeugt, besitzt es Selbstvertrauen und kann die Ausführung einer Handlung mit entsprechender Selbstsicherheit unterstützen (vgl. Petermann & Petermann, 1994).

Das Selbstwertgefühl und die jeweilige Verwirklichung eigener Entwicklungsmöglichkeiten stehen in Beziehung zueinander, denn „kein Werturteil ist für den Menschen wichtiger, kein Faktor für seine psychische Entwicklung und Motivation entscheidender als das Urteil über sich selbst“ (Akin, 2000, S. 11). Die positive Selbsteinschätzung ist von großer Bedeutung für ein sozial kompetentes Verhalten. Der Prozess der Selbsteinschätzung ist allerdings kein bewusstes Urteil, sondern vielmehr eine verschleierte Emotion. Es handelt sich hierbei um eine langfristige Erfahrung, welche Teil jeder Gefühlsregung ist (vgl. Akin, 2000).


Auszug aus: Das Training Soziale Kompetenz für die Grundschule – Erste empirische Befunde einer Evaluation von Petra Buchwald