Neustart nach Vollbremsung und Neuorientierung durch Corona

Heike Kerwin - Gehörlosenseelsorgerin – auch im Kirchenkreis Gütersloh

Pfarrerin Heike Kerwin ist unter anderem Gehörlosenseelsorgerin im Evangelischen Kirchenkreis Paderborn. Corona hat auch ihre Arbeit verändert. (FOTO: EKP)

Heike Kerwin dolmetschte den Eröffnungsgottesdienst des Kreiskirchentages 2017 im Ev. Kirchenkreis Gütersloh in die Gebärdensprache. (Foto: fra)

OWL (ekp/wels). Als Gehörlosenseelsorgerin ist Heike Kerwin (Rheda-Wiedenbrück) seit Januar 2019  in den Kirchenkreisen Paderborn, Bielefeld, Gütersloh und Halle tätig. Sie ist eine von insgesamt acht hauptamtlichen Gehörlosenseelsorger*innen in der Evangelischen Kirche von Westfalen. Für alle bedeutete und bedeutet die Corona-Pandemie seit März eine Vollbremsung der bisherigen Arbeit, Neuorientierung und das Wagen eines Neustarts. Im Evangelischen Kirchenkreis Paderborn ist Heike Kerwin (58) Nachfolgerin von Gemeindepfarrer Ulrich Richter (Hövelhof). Er übte die Synodalbeauftragung als Gehörlosenseelsorger im Nebenamt aus.

FOLGEN VON CORONA FÜR GEHÖRLOSENSEELSORGE
Nach dem Lockdown im März durch Corona mussten die monatlichen Gottesdienste für Gehörlose in der Krypta der Paderborner Abdinghofkirche eingestellt werden. Seit Juni sind die 30-minütigen Feiern mit Abstand und Schutzmaske an jedem zweiten Sonntag im Monat wieder möglich. „Ich habe mir dafür ein Visier gekauft, da die Mimik ein wichtiger Teil der Gebärdensprache ist und durch den Mund-Nasen-Schutz verdeckt würde. Zu den Gottesdiensten kommen natürlich weit weniger als sonst, weil die meisten schon aufgrund ihres Alters zur Risikogruppe gehören“, berichtet Pfarrerin Kerwin. Kamen vor Corona durchschnittlich 15 Besucher, sind es jetzt fünf.  

Verzichtet werden  muss wegen der Hygieneregeln noch auf das das anschließende gemeinsame Kaffeetrinken im benachbarten Paul-Gerhardt-Gemeindehaus. „Weil die Menschen nicht um die Ecke wohnen, sondern mit dem Auto oder dem Zug kommen und sich das doppelt lohnt, wenn zu Gottesdienst und Kaffeetrinken eingeladen wird, ist das natürlich bedauerlich“, hofft Heike Kerwin auf sinkende Coronazahlen. Die Unterhaltung an der Kaffeetafel sei der Gehörlosengemeinde sehr wichtig, weil sie sich in der Regel nur einmal im Monat sehen könne. „Auch für mich ist das eine gute Möglichkeit, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen und sie kennenzulernen“, berichtet die Pfarrerin weiter.

Während des Corona-Lockdowns nutze Heike Kerwin gemeinsam mit ihren Kolleg*innen andere Kontaktmöglichkeiten: „Zu Ostern und Pfingsten haben wir kurze Gehörlosengottesdienste gedreht und auf unserer Homepage ins Internet gestellt. Zur Information über das Corona-Virus und die damit verbundenen Schutzmaßnahmen wurden Links digital geteilt bzw. verbreitet, unter anderem per E-Mail“, so Heike Kerwin. „Und für die wenigen, die weder PC noch Smartphone haben, gab es Grüße per Fax oder auch per Postkarte.“

GEHÖRLOSENGEMEINDE
In jeder Gehörlosengemeinde gibt es gewählte Gemeindesprecher*innen, mit denen die Seelsorger*innen die Gottesdienste vorbereiten  und alle Belange der Gemeinde besprechen.
Taufen, Trauungen und Beerdigungen, soweit sie Gehörlose betreffen, gehören ebenso zu Kerwins Aufgaben. „Wenn Gehörlose dagegen als Nachbarn oder Angehörige zu einem solchen Anlass eingeladen sind, ist es meine Aufgabe, einen Gebärdensprachdolmetscher zu beauftragen, den dann die Landeskirche bezahlt“, erläutert die Pfarrerin. Im Evangelischen Kirchenkreis Paderborn arbeitet sie mit allen Einrichtungen für Gehörlose zusammen. Dazu gehören Kontakt mit der Moritz-von-Büren-Schule, eine Förderschule in Büren in Trägerschaft des LWL, und mit der Beratungsstelle für Gehörlose der Stadt Paderborn.
Zu den großen kirchlichen Festen, Ostern und Weihnachten, werden  in Ostwestfalen normalerweise zentrale Gottesdienste mit den Gehörlosen gefeiert. „Eine theologische oder gemeindepädagogische Herausforderung ist die Visualisierung der Botschaft, da Gehörlose ‚Augenmenschen‘ sind. Wie können religiöse Aussagen etwa durch eine Bildbetrachtung oder durch den Bezug auf Symbole visuell anschaulich und ansprechend ‚rübergebracht‘ werden? Da ist Kreativität gefragt“, so Kerwins Erfahrung.

WIE ALLES BEGANN
Beim Kirchentag 1985 in Düsseldorf war es, als die damalige Theologiestudentin auf dem „Markt der Möglichkeiten“ zufällig zum Stand der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Gehörlosenseelsorge (DAFEG) kam und erste Kontakte knüpfte. Als Heike Kerwin von 1996 bis 1999 Synodalvikarin im Kirchenkreis Halle war, begann sie mit der Ausbildung in Deutscher Gebärdensprache. Der Synodalauftrag für Gehörlosenseelsorge im Kirchenkreis Halle folgte im Juni 1998. Dort baute sie als Pfarrerin im Entsendungsdienst von 1999 bis 2005 die Gehörlosenseelsorge weiter aus und erhielt zudem den Synodalauftrag für die Gehörlosenseelsorge im Nachbar-Kirchenkreis Gütersloh. Ziel: Aufbau einer Gehörlosengemeinde mit Zentrum in Rheda-Wiedenbrück. Die Gehörlosenseelsorge in den Kirchenkreisen Halle und Gütersloh führte Pfarrerin Heike Kerwin bis 2019 fort.

GEHÖRLOSE IN WESTFALEN
Über 4000 evangelische Christinnen und Christen in der Evangelischen Kirche von Westfalen sind gehörlos oder kommunizieren in Gebärdensprache. Die Gehörlosenseelsorge lädt sie ein, Kirche in ihrer ganzen Vielfalt zu erleben und aktiv mitzugestalten. Zu den Angeboten in Gebärdensprache gehören zum Beispiel: regelmäßige Gottesdienste, Taufen, Konfirmationen, Trauungen, Beerdigungen gehörloser Menschen und auf  Wunsch von deren Angehörigen, Seelsorge und Beratung für gebärdensprachliche Menschen und deren Familien, Kirchlicher Unterricht, Erwachsenenbildung und gegebenenfalls Religionsunterricht.

GEBÄRDENSPRACHE
Gebärdensprache ist eine vollwertige Sprache mit eigener Grammatik und einem umfangreichen Gebärdenwortschatz. Weltweit gibt es verschiedene nationale Gebärdensprachen mit regionalen Dialekten. Die Deutsche Gebärdensprache ist seit 2002
gesetzlich anerkannt.

Kontakt: Kerwin(at)gebaerdenkreuz(dot)de
www.gebaerdenkreuz.de