Das „Mysterium“ Autismus lüften

Neue Themenreihe der Ev. Erwachsenenbildung im Kirchenkreis Gütersloh befasst sich mit verschiedenen Formen von Neurodiversität

Jonas Riedel, hier mit Sylvia Henselmeyer von der Ev. Erwachsenenbildung im Kirchenkreis Gütersloh, wird am 12. März 2026 zum Thema „Autismus in unserer Mitte“ referieren. 		Foto: KKGT/Ulla Rettig

Jonas Riedel, hier mit Sylvia Henselmeyer von der Ev. Erwachsenenbildung im Kirchenkreis Gütersloh, wird am 12. März 2026 zum Thema „Autismus in unserer Mitte“ referieren. Foto: KKGT/Ulla Rettig


Kirchenkreis Gütersloh. Nicht alle Gehirne ticken gleich. Zwischen 15 und 20 Prozent der Menschen gelten als neurodivers. Das bedeutet: Sie können zum Beispiel von einer ADHS oder einer Lese- oder Rechtschreibschwäche betroffen, hochsensibel oder auch autistisch sein. Von der Autismus-Spektrum-Störung (ASS) ist etwa ein Prozent der Bevölkerung betroffen. 800.000 Personen also allein in Deutschland, von denen viele nicht wissen, warum und inwiefern sie „anders“ sind. Licht ins Dunkel bringt ein Vortrag, der am 12. März 2026 im Rahmen einer neuen Themenreihe der Ev. Erwachsenenbildung im Kirchenkreis Gütersloh zu Neurodiversität angeboten wird (siehe www.kirchegt.de). Sein Titel: „Autismus in unserer Mitte – Das ‚Mysterium‘ des Spektrums“. Wir haben im Vorfeld mit zwei Menschen gesprochen, die selbst Autisten sind: Referent Jonas Riedel (30 Jahre) und Johanna Krämer (Name von der Redaktion geändert), die gemeinsam mehrere Selbsthilfegruppen im Kreis leiten.

Herr Riedel und Frau Krämer, wann haben Sie gemerkt, dass Sie anders sind als andere Menschen? 
Jonas Riedel: Das war in der Grundschule – wirklich einordnen konnte ich es damals noch nicht. Erst auf der weiterführenden Schule und in der Pubertät wurde mir klar, dass einige Dinge für mich anders laufen. Zum einen fiel mir das soziale Miteinander immer schwerer. Ich habe es verstanden, konnte aber nie so viel daraus ziehen wie meine Mitmenschen. Zum anderen empfand ich vieles schlicht als anstrengend. Nach langen Schultagen noch in Vereine gehen, zum Musikunterricht oder zu Freunden, das war für mich undenkbar. 
Johanna Krämer: Bei mir war es so: Ich habe früh gelernt, mich an die sozialen Gepflogenheiten anzupassen. Das heißt, ich habe geschaut, wie Andere sich verhalten: Wer schüttelt wem wann die Hand? Wer lächelt wann? Und so weiter. Daran habe ich mein Verhalten orientiert. So etwas gelingt aber nicht jedem Autisten.

Wann wurde bei Ihnen beiden die Diagnose Autismus gestellt? 
Jonas Riedel: Mit 24 Jahren, ein Jahrzehnt nach meinem ersten Kontakt mit einem Psychiater, und dann auch eher durch Zufall im Rahmen einer Schmerzbehandlung. 

Warum hat das so lange gedauert?
Jonas Riedel: Im Vergleich zu anderen Autisten ist das noch kurz. Viele erfahren erst als Erwachsene davon. Meist werden sie wegen Begleiterkrankungen vorstellig. Oft wird Autismus auch eher als Phänomen der Sonderpädagogik gesehen – und da gehören Johanna und ich definitiv nicht hin. 
Johanna Krämer: Mädchen und Frauen werden außerdem häufig noch später als Männer oder gar nicht als autistisch erkannt. Das hat mit der Vorstellung zu tun, Autisten seien eher männlich. Denken Sie an „Rain Man“ in dem gleichnamigen Film. Ich selbst war über 30 Jahre alt, als die Diagnose klar war. Manche Frauen erfahren es auch erst in ihren 40ern oder 50ern oder sogar noch später. 

Wie zeigt sich Autismus bei Ihnen beiden? 
Jonas Riedel: Der Alltag bringt sehr viele Umweltreize mit sich. Schon das Klirren von Tellern kann mich irritieren, wie Sie gerade bemerkt haben. 
Johanna Krämer: Das Klirren hat mich auch sehr irritiert. Viele autistische Menschen nehmen wesentlich mehr Reize wahr und empfinden sie deutlich intensiver, zum Beispiel Helligkeit und Lautstärke.

Ist das bei allen Menschen im Spektrum so? 
Jonas Riedel: Die Ausprägungen sind im sogenannten Spektrum sehr unterschiedlich. Mit anderen Worten: Kennen Sie einen, dann kennen Sie eben nur einen. 

Wie ist es Ihnen auf dem langen Weg bis zur Diagnose ergangen? 
Jonas Riedel: Sie machen mehr und mehr die Erfahrung, dass Sie auf „üblichen“ Lebenswegen diffus scheitern. Und Sie verstehen nicht, warum. Solange Sie darauf keine Antwort finden, zwängen Sie sich immer wieder in Wege, die schlicht nicht passen. Gerade für hochfunktionale Autist:innen – solche ohne kognitive Beeinträchtigungen – ist das häufig Ursache für psychiatrische Erkrankungen, wie Depressionen oder Ängste. 
Johanna Krämer: Zum Lebensweg: Selbst, wenn der Berufseinstieg gelingt, kann es sein, dass sich der Job nicht auf Dauer durchhalten lässt. Das kann unter anderem an der Reizüberflutung liegen, an sozialen Erwartungen oder auch an der zunehmenden Anforderung, spontan und flexibel zu sein. 

In welchem Ausmaß stellt Ihr „Anderssein“ heute noch ein Problem für Sie dar? 
Jonas Riedel: ...mittlerweile hauptsächlich im Rahmen der Reizbelastung. Für mich der wohl empfindlichste Punkt: Ich muss gut mit meiner Energie haushalten. In anderen Bereichen, zum Beispiel bei den Sozialkontakten oder dem stereotypen Verhalten, habe ich dagegen gute Wege gefunden. Nicht alles lässt sich ändern. In gewisser Weise wird mein Weg immer anders bleiben. Das muss aber nicht schlimm sein. 

Wie geht es Ihrer Familie damit und anderen Menschen, die Ihnen nahestehen? 
Jonas Riedel: VOR der Diagnose Autismus war das größte Problem für sie, dass sie mir nicht wirklich helfen konnten. Sie konnten nur zuschauen, wie sich ein Mitmensch mehr und mehr aus dem Leben zurückzieht. Die Erfahrung für beide Seiten, jahrelang hilflos und überfordert zu sein, kann sehr schmerzhaft sein, zu Konflikten führen und tiefe Spuren hinterlassen. 

Häufig wird Autismus als Krankheit bezeichnet. Sehen Sie das auch so? 
Jonas Riedel: Grundsätzlich sehe ich Autismus als eine andere Art menschlichen Seins. Eine andere Wahrnehmung bringt andere Bedürfnisse mit sich, die anders erfüllt werden müssen – nicht mehr und nicht weniger. Ich wurde autistisch geboren und ich werde autistisch sterben – das ist auch in Ordnung. Mit dem Wissen darum lässt sich ein Lebensweg finden, der erfüllend sein und glücklich machen kann. 

Kann Ihre Andersartigkeit auch eine Art Superkraft sein, wie beim „Rain Man“? 
Jonas Riedel: Der Begriff ist etwas zu gut gemeint. Solche Vorstellungen entspringen dem Wunsch, Menschen im Spektrum auch mit Blick auf ihre Stärken zu begegnen. Prinzipiell begrüße ich das. Stärken lassen sich nicht von den Erschwernissen isolieren. Das Wort „Superkraft“ kann die Erwartung hervorrufen, dass autistische Menschen häufig bis immer herausragende Fähigkeiten in sich tragen. Tatsächlich gibt es Inselbegabungen, auch bekannt als Savant-Syndrom. Das ist aber viel seltener, als es viele denken. 
Johanna Krämer: Bei mir überwiegen deutlich die Nachteile durch die Schwierigkeiten mit der Reizfilterung.

Wie sollten wir folglich mit autistischen Menschen umgehen? 
Jonas Riedel: Sowohl ihre Stärken als auch Hürden sollten Beachtung finden. Sie sollten weder pathologisiert noch romantisiert werden. Anders zu sein bedeutet erst einmal nur anders – und auch das ist in Ordnung.

Herr Riedel, Sie sind in mehreren Selbsthilfegruppen aktiv. Worum geht es dabei? 
Jonas Riedel: Wir führen mehrere inhaltlich gleich gestaltete Gruppen mit insgesamt 24 Teilnehmenden. Bei uns begegnen sie anderen Menschen im Autismus-Spektrum, die sie verstehen und vor denen sie sich nicht rechtfertigen müssen. 

Wie meinen Sie das? 
Jonas Riedel: Vielen im Spektrum fällt es enorm schwer, die Brücke zu nicht autistischen Menschen zu schlagen. Das gilt nebenbei bemerkt auch andersherum. Denn zur Kommunikation gehören immer zwei. Mit unserem Engagement möchten wir vor Ort eine Art Brückenkopf zwischen dem Autismus-Spektrum und der Gesellschaft sein. So sind wir etwa auch im Arbeitskreis Autismus des gemeindepsychiatrischen Verbunds (GPV) aktiv. Dieser soll unter Leitung von Barbara Winter (Kreis Gütersloh) die Versorgung autistischer Menschen im Kreis stärken. Falls sich dort jemand einbringen möchte, ist das über den Kontakt zu Frau Winter möglich (Mail: b.winter@kreis-guetersloh.de). Durch diesen Arbeitskreis wurde beispielsweise Anfang 2025 Jahres in Kooperation mit dem hiesigen LWL-Klinikum eine Fachtagung abgehalten, an der wir auch beteiligt waren.

Wie beurteilen Sie die Versorgungslandschaft im Kreis Gütersloh? 
Jonas Riedel: Grundsätzlich lassen sich Hürden leichter abbauen, wenn Betroffene, Angehörige und Fachpersonal miteinander in Kontakt treten können. Stück für Stück kommen Dinge in Bewegung, aber insgesamt ist es noch ein langer Weg bis zu einer stabilen Versorgungslandschaft. Das soll uns nicht demotivieren: In einem Kreis wie Gütersloh mit seiner langen sozialpsychiatrischen Historie und tief verwurzelten Vereinskultur gibt es genug Ressourcen. Jeder Schritt zählt.        kkgt
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Hier finden Betroffene im Kreis Gütersloh Hilfe: autismus-gruppe-gt@web.de, ElternAspergerSHG@gmx.de, https://www.autismus-owl.de/standorte/guetersloh/autismus-therapie-zentrum/, https://www.teilhabeberatung-guetersloh.de/ – Es gibt Wartelisten.

Informationen zur Vortragsreihe mit fünf Themen im Veranstaltungsprogramm: www.kirchegt.de, Anmeldung unter: erwachsenenbildung@kk-ekvw.de